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1895
Kinoforscher Sven Roloff
Kinoforscher Sven Roloff
Bis heute: Sven Roloff hat die hallesche Kinogeschichte erforscht
Von Jessica Quick

September 1915, Große Gosenstraße 12 in Halle: Das Burgtheater zeigt in einer seiner Vorstellungen den Ausbruch des Vulkans Vesuv. Damals gab es nur schwarzweiße Filme, aber die rot glühende Lava sollten die Zuschauer ganz intensiv erleben. So ließen sich die Filmemacher einen Trick einfallen und unterlegten roten Zelluloidstreifen. Für den akustischen Effekt sorgte die Natur: Just an dem Abend grollte ein Gewitter über Halle. Der Donner und die Bilder des Vulkanausbruches wirkten auf die Zuschauer so real, dass sie schreiend aus dem Kino rannten. Heute erinnert nur noch eine alte Kastanie an das Kino, das 1974 geschlossen wurde.

Die Schauburg in der Großen Steinstraße 1938 …
Die Schauburg in der Großen Steinstraße 1938 …
Auf mehr als hundert Jahre Kinogeschichte kann Halle zurückblicken. Der 29-Jährige Sven Roloff, der auch das Filmforum „Selbstgedrehtes“ mitorganisiert, hat im Rahmen seiner Masterarbeit die cineastische Entwicklung der Stadt multimedial aufgearbeitet (AHA! berichtete). „Mir war schnell klar, dass ich in meinem Projekt das Thema Kino möglichst umfassend abstecken wollte. Neben den Festivals gehört auch die Geschichte dazu“, sagt der gebürtige Darmstädter. Die Archive der Stadt und der Mitteldeutschen Zeitung gehörten zu seinen wichtigsten Quellen, sie brachten ihn auf zwei Koryphäen hallescher Kinogeschichte: Dramaturgin Cornelia Nitzschke, die 2003 eine Ausstellung über das Thema im Thalia Theater kuratierte, und Erich Gebhardt, der jahrelang als Filmvorführer im Kino 188 arbeitete – er sammelt privat Fotoalben und Filme rund ums Kino.

… und heute
… und heute
Roloffs hallescher Kinozeitstrahl beginnt am 5. September 1895. In ganz Deutschland wurde die Eröffnung von „Edisons neustem Wunderwerk“, dem Kinematoskop angepriesen. Man schaute in einen der fünf Guckkästen und sah 43 schnell wechselnde Bilder. 1906 wurden in den ersten Theatern auch Filme gezeigt, meist nach der eigentlichen Vorstellung. Süssmilchs Walhalla Theater (heute das Steintor Varieté) zeigte den ersten einstündigen Film. Das Biophon (Große Ulrichstraße 57) galt vor dem Ersten Weltkrieg als das beliebteste Kino der Stadt. Die vorderen Sitze waren mit rotem Plüsch bezogen, ein Klaviertrio spielte zu den Stummfilmen, es gab Bier und Brötchen und es durfte geraucht werden. 1911 eröffnete das Passagetheater (später Ritterhaus-, dann Goethe- Lichtspiele, heute Ritterhaus). Mit einer Investitionssumme von 200000 Mark war es technisch am vollkommensten und fasste insgesamt 1000 Besucher. Erwähnenswert sind auch die C.T. Lichtspiele am Riebeckplatz und in der Großen Ullrichstraße 51. Gotthold Künzel, der in den 30er Jahren zusätzlich Direktor der Schauburg (Große Steinstraße 27/28) wurde, holte etliche Filmstars zu Premierenfeiern in die Saalestadt.

32 Kinos hat Roloff ausfindig gemacht. Einige wurden im Zweiten Weltkrieg zerbombt, andere mittlerweile abgerissen oder sind nicht mehr erkennbar. Es sind aber auch Kinos aufgeführt, die erst jüngst entstanden sind und das Halle so eigene Klubkino-Flair ausmachen. ■

Kinogeschichte

Übersicht mit Standort und Jahreszahlen

Anschrift
Zeitraum
KinetoskopGroße Ulrichstr. 5

Sept.1895-Nov.1895

Walhalla-TheaterGroße Steinstr. 45, heute Steintor

Feb.1896-ca.1906
(ca. ein Jahrzehnt)

Café MetropolSchulstr.

1897-???

Theater lebender Photographien

Große Ulrichstr. 20

American Theater

1906-1909

 

1909-???

Der große Circus-KinematographRossplatz

Jul.1906-Aug.1906

Welt-KinematographLeipziger Str. 17

1906-???

Biophon-TheaterGroße Ulrichstr. 57

1907-???

Hansa-TheaterRannische Str. 11

1908-???

Edison-TheaterGoethestr. 26

1909-bis in die 50er

Metropol-TheaterGeiststr. 22

1909-???

Germania-TheaterReilstr. 133

1909-???

Tonbild-BühneSchmeerstr. 5

1909-???

Passage-TheaterLeipziger Str. 88

Ufa-Theater Leipziger Str. 88

Ritterhaus-Lichtspiele
Schwere BombenschädenWiedereröffnung
Goethe-LichtspieleEinweihung des Kino-Café’sÜbernahme durch UfaAbriss

1911-1992

 

20er Jahre

30er Jahre

1945

1949

1949-1992

1974

1991

1993

Orpheum-TonhalleSteinweg 12

1912-bis in die 60er

Burg-TheaterTriftstr. 22

Große Gosenstr. 12

1912-1973/74

 

Umzug 1915-1973/74

Astoria Lichtspielhaus

Alte Promenade 11

Garnisonskino
Theater der FreundschaftHalles erstes Tageskino
Wiedereröffnung nach Umbau als Urania 70Übernahme durch UfaSchließung durch UfaWiedereröffnung Film- und Musikkneipe Flowerpower

1914-1945

 

1945-1952

1952

1953-1686

1968-heute

1991

1997

2003

C.T. Lichtspiele Große Ulrichstr. 51(heute neues theater)Schwere BombenschädenWiedereröffnung

Kino der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft

Studiokino

1919-1980

 

1945

1945

1969

~1980

C.T. Lichtspiele am RiebeckplatzMerseburger Str. 170Schwere Bombenschäden

1922-1945

 

1945

Schauburg-LichtspieleGroße Steinstr. 27/28RenovierungWiedereröffnung nach KriegsendeRenovierung

1927-1963

 

1938

1945

1955/56

CapitolLauchstädter Straße 1aErweiterung zum Gastro-KinoZwischenzeitliche SchließungWiedereröffnung als KinoEinstellung des KinobetriebsWiederaufnahme des Kinobetriebs

1928-heute

 

1975

In den 80ern

1991

1996

2000

Trotha-LichtspieleTrothaer Str. 20Vorläufige SchließungWiedereröffnungErweiterung zum Gastro-KinoSchließungWiedereröffnung Trothaer KlubkinoSchließung

1938-1996

 

1966

1970

1975

1988

1991

1996

Casino-LichtspielhausHardenbergstr. 1

1938-1963

Ring-TheaterWaisenhausring 8

1939-1963

Tonbildbühne AmmendorfMerseburger StraßeErweiterung zum Gastro-Kino

1939-1990

 

1975

Halles erstes ZeitkinoKlement-Gottwald-Str. 63

1953-???

PrismaZwischen Magistrale und Albert-Einstein-Str.Übernahme durch UfaSchließung durch UfaAbriss

1982-1997

 

1991

1997

1999

Klubkino „188“Böllberger Weg 188

1986-2001

La BimTöpferplan 3

1991-heute

Lux-Kino am ZooSeebener Str. 172

2000-heute

Kino ZazieGroße Ulrichstr. 27

2000-heute

PuschkinoKardinal-Albrecht-Straße

2005-heute

 

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