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„Wir wollen Qualität statt Quantität“
ImageKurt Jansson, Deutschland-Chef von Wikipedia, über funktionierende Selbstkontrolle und die Lust am freien Wissen
Interview: Steffen Reichert

Wikipedia ist in aller Munde. Was macht den Erfolg aus?
Es gibt da verschiedenste Theorien. Ich denke, dass es mit der Offenheit der Plattform zu tun hat. Vor allem aber glaube ich, dass sich Menschen einfach für Wissen interessieren und dieses teilen wollen. Das ist sicher auch die Hauptmotivation für Autoren, auf Wikipedia zu veröffentlichen. Dazu kommt natürlich ein intellektueller Austausch zwischen Leuten, die in Halle oder Hannover sitzen und durch Wikipedia miteinander verbunden werden.

Besteht aber nicht immer die Gefahr, dass Beiträge durch Lobbyisten und Pressestellen – ob in der Industrie, in der Politik oder in der Wirtschaft – beeinflusst und in ihrer Tendenz unzulässig verändert werden?
Diese Gefahr besteht immer. Es gibt einen permanenten Meinungseinfluss, dessen man sich erwehren muss. Aber es existieren genügend Kontrollmechanismen, die das weitestgehend verhindern. Zum einen ist Wikipedia sehr trans-parent, solche Versuche fallen schnell auf und werden korrigiert. Man kann darüber hinaus jede Version einer Seite und den Zeitpunkt der Änderung nachvollziehen. Zum anderen kann jeder Teilnehmer Beiträge zur Diskussion stellen und deren Löschung beantragen. Für die Diskussion ist bis zu einer Woche Zeit, die in aller Regel auch genutzt wird. Danach wird dann Bilanz gezogen und nötigenfalls gelöscht.

Gibt es aktuelle Beispiele für solche Einflussnahmen?
Die gibt es permanent. Derzeit geht es beispielsweise im Artikel zum Mindestlohn hoch her, was ob der laufenden politischen Debatte wenig überrascht. Und natürlich gehe ich davon aus, dass auch der US-amerikanische Wahl-kampf in der deutschen Wikipedia in den kommenden Monaten spürbar sein wird.

Haben Sie denn bei der Zahl der online gestellten Beiträge noch einen Überblick über das Geschehen?
Die Zahl der Beiträge ist tatsächlich enorm. Täglich kommen 400 bis 500 neue Artikel hinzu. Im Moment sind wir bei 690000 Artikeln und damit das zweitgrößte Projekt nach dem englischen. Im Februar werden wir also die 700000-Marke knacken. Am Anfang wuchsen wir exponentiell – da waren immer 100000 Artikel unser angepeiltes Ziel. Inzwischen hat die Community eine andere Priorität. Wir wollen Qualität statt Quantität. In diesem Sinne sind wir im Laufe der Zeit verantwortungsbewusster, ja vielleicht erwachsener geworden.

Image Gibt es eigentlich verlässliche Angaben zur Nutzerschaft von Wikipedia?
Es gibt erste wissenschaftliche Arbeiten, die das untersucht haben. Die Ergebnisse sind allesamt ähnlich. Pauschal kann man sagen, dass der Durchschnittsnutzer Anfang 30 ist und meist studiert hat. Inzwischen werden Nutzer wie Autoren immer älter, was sicher auch Beleg für die zunehmende Etablierung von Wikipedia in breiten Teilen der Gesellschaft ist. Übrigens: Es gibt einen starken Männerüberhang, nur etwa zehn Prozent der Autoren sind weiblich. Warum das so ist, kann ich mir allerdings nur schwer erklären. Und: Wikipedia hat weltweit etwa 200 Millionen Leser monatlich. Das spüren wir auch in Deutschland, so dass wir vor einem Jahr eine hauptamtliche Geschäftsführerstelle in Frankfurt eingerichtet haben. Rein ehrenamtlich war das nicht mehr zu stemmen.

Es gibt inzwischen auch Untersuchungen, nach denen der Anteil naturwissenschaftlicher Beiträge deutlich höher ist als der geisteswissenschaftlicher. Warum ist das so?
Ein Faktor könnte sein, dass in den Naturwissenschaften das Theorieangebot etwas überschaubarer ist als in den Geisteswissenschaften. Es scheint damit einfacher zu sein, einen seriösen, rein auf etablierten Erkenntnissen fußenden Beitrag zu verfassen. Im Übrigen gibt es ja den Wikipedia-Grundsatz, dass keine Theoriefindung erlaubt ist. Es handelt sich um eine Enzyklopädie. Wer also meint, seine private Deutung der Relativitätstheorie vorstellen zu müssen, sollte sich besser Blog oder Forum suchen, oder sich an eine wissenschaftliche Fachzeitschrift wenden. Bei uns geht es ausschließlich um die Weitergabe von gesichertem Wissen.

Stößt Wikipedia bei dem wachsenden Erfolg nicht irgendwann an seine technischen Grenzen?
Nur, um eine Vorstellung zu erhalten: Jede Sekunde werden weltweit 10000 Artikel abgerufen. Das ist so viel, dass Wikipedia inzwischen zu den zehn am meisten aufgerufenen Websites der Welt gehört, übrigens als einzige spendenfinanziert. Der Traffic ist also derartig immens, dass wir international inzwischen einen Park von 350 Servern unterhalten. Festplattenspeicher ist ja inzwischen Gott sei Dank recht preiswert. Aber wir hätten gerne mehr finan-ziellen Spielraum, um beispielsweise Software-Entwickler einzustellen, die die Wünsche der Community besser befriedigen könnten.

Vor kurzem ist der Start von Wikia Search als eine kommerzielle Suchmaschine angekündigt worden. Man liest inzwischen vom „Angriff auf Google“. Verändert sich Wikipedia nachhaltig?
In der Öffentlichkeit wird das manchmal etwas durcheinander gebracht. Richtig ist, dass der ehemalige Gründer von Wikipedia, Jimmy Wales, angekündigt hat, eine eigene Suchmaschine aufzubauen. Aber mit dem Projekt Wikipedia hat das nicht zu tun. Dennoch stehen wir ihm natürlich wohlwollend gegenüber.

infoKurt Jansson, 31, ist Soziologie-Student in Berlin. Dem Trägerverein Wikimedia Deutschland steht er seit dessen Gründung im Jahre 2004 als Vorsitzender vor.

www.jansson.de
www.wikipedia.de

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